“Anfangs war es bloss ein Witz…” – Matthias Lüthi über sein Jahr in Schottland

Von Salome Steiner

Matthias Lüthi ist seit vielen Jahren Deutsch- und Philosophielehrer an der Stiftsschule und der Schülerschaft ein altbekanntes Gesicht. Wie den meisten bekannt sein dürfte, verbrachte er das letzte Schuljahr mit seiner Familie in Schottland, wo sie ein kleines Cottage bewohnten.

Gerne zeigte er sich bereit, mit uns ein Interview zu führen und über sein Jahr in Schottland zu berichten.

Was bewegte Sie dazu, Beruf und Haushalt zurückzulassen und mitsamt Familie ins Ausland zu gehen und weshalb gerade Schottland?

Schottland war für meine Frau und mich schon immer ein Traumland und wir haben dort schon viele Ferienwochen verbracht. Wir haben uns immer sehr wohl gefühlt, vor allem wegen den Menschen, die dort leben – sie sind sehr freundlich und zuvorkommend. Irgendwann ist dann die Idee aufgekommen, einmal längerfristig dort zu leben und nicht nur die Ferien da zu verbringen. Anfangs war es bloss ein Witz, eine Überlegung, die sich dann über die Jahre hinweg konkretisiert hat. Uns war klar, dass dies am ehesten realisierbar wäre, solang unsere Töchter noch die Primarschule besuchen – später wäre es schwieriger. Irgendwie hat sich alles so ergeben, für mich liess sich eine Stellvertretung finden und auch sonstige organisatorische Aufgaben konnten geklärt werden. Dann sind wir aufgebrochen…

Wie standen Ihre Kinder dem Auslandsjahr gegenüber? Waren sie von Anfang an begeistert und haben sie auch die Schule besucht? Das muss ja schwierig gewesen sein, das ganze soziale Umfeld zurückzulassen.

Ja, das ist so. Für uns war es wichtig, eine gute Schule für sie zu finden – das heisst nicht zwingend leistungsorientiert, aber eine gute Dorfschule mit überschaubarer Klassengrösse. Wir haben uns nach einer Schule in einem ländlichen Gebiet an der Westküste umgeschaut. Dazu haben wir eine alphabetische Liste zur Hand gezogen und so sind wir dann auf die Schule gestossen, die sie schliesslich besuchten. Ich habe die Bilder meiner Frau gezeigt, die ebenfalls sofort begeistert war und habe dann dem Rektor geschrieben, ob es möglich wäre, meine Kinder für ein Jahr dort unterzubringen. Ich dachte, jetzt kommt eine grosse Flut an Formularen, aber er antwortete bloss: „Ja, warum nicht? Bring sie nur.“ Dann mussten wir nur noch nach einer möblierten Wohnung in der Umgebung suchen. Ein Jahr bevor wir eingezogen sind, haben wir das Haus mit den Kindern angeschaut, das war ein wichtiger Schritt. Vorher konnten sie sich das ja noch nicht richtig vorstellen, sie sind noch so jung gewesen. Als sie dann dort waren, die Umgebung gesehen und die Menschen kennengelernt haben, in dem Häuschen standen, waren sie so begeistert, dass sie am liebsten gleich dageblieben wären. Ab da waren sie dann sehr motiviert.

Je näher unsere Abreise bevorstand, desto mehr fragten sich unsere Kinder, wie es wohl sein würde, wenn sie wieder zurückkommen; ob sie wieder in ihre alte Klasse zurückgehen könnten. Unsere ältere Tochter machte sich Gedanken, ob sie wieder Anschluss an ihren Freundeskreis finden würde. Doch trotz allem herrschte grosse Vorfreude auf „dieses Schottland“, jedoch blieb eine gewisse Unsicherheit bestehen, da sie die Sprache nicht richtig beherrschten. Im Nachhinein erzählten unsere Töchter, dass der erste Schultag schrecklich gewesen sei, da sie nichts verstanden haben, doch von Tag zu Tag wurde es besser. Sie haben schnell Freunde gefunden, da ihre Mitschüler sich sehr über neue Gesichter freuten, es war etwas Aufregendes. Unsere Töchter waren sehr gut aufgehoben in der neuen Schule.

Wie hat für Sie und Ihre Familie der Alltag ausgesehen? Wie haben Sie ihn verbracht?

Jeweils von Montag bis Mittwoch habe ich gearbeitet. Das Haus, das wir bewohnten, war ein Feriencottage für Touristen, doch wir konnten es für einen guten Preis ein ganzes Jahr lang als Wohnhaus nutzen. In der Nähe gab es ein altes Herrenhaus, das zu einem Hotel umgewandelt worden war. Unser Cottage, das etwas abseits im Wald lag, gehörte zu diesem Hotel. Die Besitzerin, Sara, bot mir dann einen Job bei ihr als Gärtner an. Dies war ideal für mich, denn genau so etwas wollte ich machen. Einfach mal etwas ganz anderes. Nicht wieder Lehrer, auch wenn ich diesen Beruf sehr gerne ausübe. Es war eine wunderschöne Zeit, die mir sehr gut getan hat.

Sie sagten, dass Sie jeweils von Montag bis Mittwoch gearbeitet haben. Was haben Sie die restliche Woche über gemacht? 

Donnerstags und freitags war ich zu Hause mit meiner Frau. So hatten wir wieder einmal viel Zeit nur für uns zwei. Das hat sehr gut getan. Wir waren oft spazieren und sind zum Meer hinunter gegangen, dabei haben wir oft die Hunde von Sara mitgenommen. An diesen zwei Tagen haben wir auch viel im Haushalt gemacht, gelesen und konnten das Dasein geniessen. Das Ganze war sehr entspannend.

War Ihre Frau in diesem Jahr auch beruflich tätig? 

Sie hatte sehr viel zu tun mit den Kindern. Das Mittagessen vorbereiten und natürlich den Haushalt, der viel Arbeit beschert hat. Kurz vor Weihnachten wurde sie dann angefragt, ob sie Lust hätte, die Übergabe eines anderen Cottages zu übernehmen, in der eine Familie gewohnt hatte, die wir gut kannten, die jedoch für ein halbes Jahr nach Norwegen gegangen war. Und diese Aufgabe hat meine Frau dann auch einige Male übernommen. 

Welche kulturellen Differenzen zur Schweiz sind Ihnen während dieser Zeit besonders aufgefallen?

Hauptsächlich die Menschen. Sie sind lockerer. Offener. Freundlicher. Sie haben ein weniger engstirniges Denken als viele hier. Sehr herzlich sind sie auch. Das waren jetzt natürlich bloss die positiven Aspekte. Das Berufsleben vieler Bewohner des Dorfes, in dem wir gelebt haben, gestaltete sich dagegen um einiges schwieriger und auch gefährlicher. Es ist schwierig, eine sichere Stelle zu finden, mit der man seine Familie durchbringen kann. Die Familienväter sind vielfach über ein bis mehrere Wochen fort, in Glasgow oder sogar auf einer Ölbohrinsel im Meer draussen. Zwei, drei Wochen sind sie weg, dafür sind sie dann wieder eine Woche hier. Machen dort einen gefährlichen Job, dafür verdienen sie aber auch ziemlich gut. Das ist einem schon aufgefallen. Für die ist das normal, aber wenn ich mir überlegt habe: Kann ich hier leben? Dann habe ich schon auch gesehen, dass dies bedeuten würde, dass ich jeweils eine Woche weg wäre und meine Kinder nicht jeden Tag sehen könnte, wie ich es hier in der Schweiz kann. Allerdings ist es sehr erstaunlich, dass die Menschen, die weiter weg sind von den grossen Zentren (Grossstädten), weniger haben, dadurch aber auch mehr aufeinander angewiesen sind, sehr freundlich zu allen Leuten sind, die sie kennenlernen und man nie das Gefühl hatte, unerwünscht zu sein. Viele haben uns gesagt: Hey, bleibt doch hier! Wäre schön, ihr würdet hier bleiben! Sie wissen ja auch, es wird einfacher, je mehr Leute da sind.

Haben Sie denn mit dem Gedanken gespielt, dort zu bleiben? War das überhaupt eine Option, die Sie in Betracht gezogen haben?

Ich habe Herrn Eichrodt versprochen wiederzukommen, das war von Anfang an so abgemacht. Dafür hat er mir hier auch die Stelle offen gehalten, das war die Abmachung. Klar, schlussendlich hätte man diese auch brechen können, aber das ist nicht meine Art, so etwas mache ich nicht gerne und würde es auch nicht tun. Natürlich hat man immer ein wenig mit dem Gedanken gespielt, wie es wohl wäre und ob es möglich sei. Aber für mich war eigentlich klar, dass ich wieder kommen würde und das Jahr einfach geniessen werde. Auch den Kindern haben wir versprochen, wieder zurück zu gehen. Dieses Versprechen habe ich ihnen gegeben und hätte es niemals gebrochen. Ich habe dann schon auch gemerkt, dass die Kinder kurz vor der Abreise am liebsten geblieben wären, so gern waren sie hier. Es war schon nicht einfach zu gehen, alle neu gewonnenen Freunde zurückzulassen.

Was nehmen Sie für sich mit?

Es war eine wunderbare Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Sie hat uns alle verändert, in einem positiven Sinn. Jetzt im Nachhinein spüre ich einfach eine grosse Dankbarkeit, dass dies so überhaupt möglich war. Ich weiss, wie viel damit zusammenhing, es ist unglaublich, wie viel organisiert und geregelt werden musste und wie viele glückliche Zufälle nötig waren, dass unser Wunsch verwirklicht werden konnte. Ich bin sehr vielen Menschen dankbar und dieses Gefühl der Dankbarkeit begleitet mich, das ist etwas Schönes.

Wir danken Ihnen herzlich für das spannende Interview und die Bilder, die Sie uns haben zukommen lassen!

In Zusammenarbeit mit Noëlle Matter, 3c

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: