Wie gehen wir miteinander um?

Von Salome Lara Steiner

Zu schwierige Prüfungen, Aussagen und Handlungen von Mitmenschen, die uns verärgern, Konflikte im Familien- und Freundeskreis, Missverständnisse unter Arbeitskollegen oder Unstimmigkeiten in der Lehrer-Schüler-Beziehung. Täglich sind wir mit Situationen konfrontiert, die Konfliktpotential in sich tragen. Manchmal sind wir so gestresst und frustriert, dass wir mit Ärger oder Wut reagieren und kein Verständnis für unser Gegenüber zeigen können oder möchten. Offene oder versteckte Schuldzuweisungen sind an der Tagesordnung und führen nicht selten zu Streit und schlechter Stimmung.

Viele Konflikte im Alltag haben ihren Ursprung in unserer Art miteinander zu kommunizieren. Nicht immer ist uns bewusst, wie unsere Aussagen beim Gegenüber ankommen und viel zu häufig stellen wir, bewusst oder unterbewusst, die falschen Fragen. Wer hat recht? Wem kann Schuld zugeschrieben werden? Wessen Wahrnehmung ist fehlerhaft? Wie kann ich meinem Gegenüber zeigen, dass es falsch liegt?

Vielmehr sollten wir uns fragen: Wie können wir miteinander kommunizieren, ohne Schuld zuzuweisen? Wie gehen wir richtig mit Meinungsverschiedenheiten und Wahrnehmungsdifferenzen um? Und was können wir tun, um einander mit Respekt zu begegnen und einen harmonischen Schul- oder Arbeitsalltag (beziehungsweise ein harmonisches Familienleben) zu schaffen?

Das Bedürfnis nach Schuldzuweisung liegt vermutlich in der Einfachheit und Bequemlichkeit, die eine schematische Denkweise bietet. Opfer und Täter, richtig und falsch, Recht und Unrecht, Wahrheit und Lüge. Wir Menschen haben einen Hang zu kategorisierendem Denken und versuchen stets, das Erfahrene auf irgendeine Weise einzuordnen. Dieser Prozess der Einordnung geschieht häufig unterbewusst und kann durchaus hilfreich oder sogar notwendig sein, um Erlebnisse psychisch zu verarbeiten. Nach einer empfundenen oder tatsächlichen Ungerechtigkeit verleitet unser Instinkt uns häufig dazu, über den mutmasslichen Täter zu schimpfen und uns bei Freunden oder Familie über ihn auszulassen. Dies hilft uns dabei, die angestaute Wut oder womöglich auch Trauer zu verarbeiten und aufzulösen. So haben schematisches Denken und Ärger durchaus ihre Daseinsberechtigung. Problematisch wird es dann, wenn diese Wut sich auf die Person selbst (nicht das Getane) richtet und mit Unverständnis und Rachegelüsten oder anhaltendem Groll einhergeht. Die genannten Emotionen bieten häufig einen guten Nährboden für weitere Konflikte, unter denen alle Betroffenen mehr oder weniger stark leiden. Oft mangelt es an Bereitschaft zur offenen Kommunikation und gegenseitigem Verständnis. Denn die eigenen Gefühle müssen rationalisiert werden und ein gewisses Mass an ehrlichem Interesse und Empathie muss vorhanden sein, um das Gegenüber als ganzheitliches Wesen mit komplexer Geschichte und Gefühlswelt erfassen zu können. Gelingt dies, wird einem schnell bewusst, dass tatsächlich keine Situation je schwarz-weiss ist, auch wenn unsere Intuition uns zuweilen dazu verleitet dies anzunehmen, besonders wenn viele Emotionen und Unrechtsempfinden im Spiel sind. Diese Sicht mag zwar simpel, bequem und womöglich befriedigend sein, ist letztlich jedoch sehr undifferenziert und birgt Konfliktpotential.

Die Welt kann als vielschichtiges Gefüge verstanden werden, in dem wir uns als Subjekte mit eigenem (inneren) komplexen System bewegen und austauschen können. In jedem System, das heisst in jedem Menschen, geht ein stetiger Prozess vor sich, der durch persönliche Erfahrungen, Emotionen, Gedanken, eigene Entscheidungen und die jeweiligen Rahmenbedingungen (hauptsächlich der Umwelt) beeinflusst wurde und wird. Dieser komplexe Prozess ist letztlich Ursprung unseres Verhaltens und spielt eine bedeutende Rolle für die Charakterbildung eines jeden Menschen. Grundsätzlich kann durch bewusstes Wahrnehmen und Verstehen dieser inneren Prozesse sowie deren Kausalfaktoren eine Persönlichkeitsentwicklung erfolgen und Denk- und Handlungsmuster können aufgedeckt werden. Diese bewusste Selbsterkenntnis kann in vielen Bereichen hilfreich sein. Sie unterstützt uns nicht nur dabei, unser inneres System besser zu verstehen und gezielt an Defiziten zu arbeiten, sondern auch in der Kommunikation mit anderen Menschen. Viele Auseinandersetzungen entstehen durch fehlenden Austausch zwischen den beteiligten Partien und folglich einem Mangel an Kenntnis und Einblick in den zugrundeliegenden Prozess einer Handlung. Unser Verständnis von Ethik (Wann ist eine Handlung gut und wann nicht?) spielt dabei ebenfalls eine wichtige Rolle. Beurteilen wir nur die Konsequenzen einer Tat, die überdies je nach empfindendem Subjekt variieren, oder zählt auch die zugrundeliegende Intention der handelnden Person? Dies ist eine philosophische Frage, die nicht abschliessend oder universell beantwortet werden kann.

Fest steht, dass jeder Handlung ein komplexer Prozess zugrunde liegt (ob nun bewusst oder unterbewusst) und jedes System seine eigene „subjektive Wahrheit“ in sich trägt. Das persönliche Empfinden und Wahrnehmen einer Situation ist nie falsch oder unberechtigt, es gibt nicht die eine richtige Geschichte oder objektive Wahrheit. Wir alle haben eine Art Wahrnehmungsfilter, der durch psychosoziale Umstände, persönliche Erfahrungen und Entscheidungen sowie den jeweiligen Charakter beeinflusst wird. Es geht nicht darum, Taten zu entschuldigen oder beschönigen, sondern vielmehr eine differenziertere Sicht auf Konflikte und das Verhalten anderer Menschen zu entwickeln. Ein erster Schritt wäre, das eigene System zu ergründen und die inneren Prozesse zu verstehen, um sich eingefahrener Denkmuster und Glaubenssätze bewusst zu werden und das eigene Verhalten nachvollziehen und erklären zu können. Zweitens sollten wir uns im Klaren sein, dass jeder Handlung eine komplexe und anhaltende Entwicklung zugrunde liegt und kein Mensch von Grund auf „böse“ ist. Wir sollten lernen auszudrücken, was bestimmte Situationen und Handlungen in uns auslösen und wie wir das Geschehen wahrnehmen, ohne unser Gegenüber anzuklagen oder zu beschuldigen. Auch er/sie hat seine berechtigte Sicht auf die Angelegenheit, die niemals abgewertet oder für ungültig erklärt werden sollte. Indem wir offen kommunizieren und unser Gegenüber und seine Wahrnehmung respektieren, können viele Konflikte gelöst werden und weiteren Streitigkeiten vorgebeugt sowie eine Stärkung der Beziehung erreicht werden. Schuldzuweisungen führen in den meisten Fällen lediglich zu Groll, Disharmonie, weiteren Auseinandersetzungen oder sogar einem Beziehungsabbruch.

Es lässt sich also sagen, dass wir unsere Energie und Kraft besser in gegenseitiges Verständnis und offene Kommunikation stecken sollten, statt immer nach einem Schuldigen oder der einen Wahrheit zu suchen. Wir Menschen sind so komplex und vielschichtig wie die alltäglichen Situationen, die sich aus unseren Begegnungen und Beziehungen ergeben.

Jedes subjektive Empfinden und Wahrnehmen eines Ereignisses hat seine Daseinsberechtigung. Kommunikation und Verstehen sind der Schlüssel zu mehr Harmonie in der Welt und bestehenden Beziehungen.

„Das Geheimnis der Kommunikation liegt im Respekt, den wir unseren Mitmenschen entgegenbringen.“ (Autor unbekannt)

 

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