{"id":6040,"date":"2023-01-29T15:33:47","date_gmt":"2023-01-29T14:33:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stiftsforum.ch\/blog\/?p=6040"},"modified":"2023-01-29T15:33:49","modified_gmt":"2023-01-29T14:33:49","slug":"capus-susanna-als-migrationsroman","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.stiftsforum.ch\/blog\/?p=6040","title":{"rendered":"Capus` &#8220;Susanna&#8221; als Migrationsroman"},"content":{"rendered":"\n<p><em>von Roberto Panzera, 6c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der Roman &#8220;Susanna&#8221; von Alex Capus behandelt in erster Linie die Migrationsgeschichte von zwei Basler Auswanderinnen in die USA im 19. Jahrhundert. Der Aspekt der Migration ist somit eines der zentralen Motive des Buches und bildet den Rahmen der Erz\u00e4hlung.<\/p>\n\n\n\n<p>Massgebend f\u00fcr jede Migration sind sogenannte Push- und Pullfaktoren, die sich von den englischen Worten f\u00fcr &#8220;abstossen&#8221; und &#8220;anziehen&#8221; ableiten. In den Augen eines jeden Migranten muss die Migrationsdestination Vorteile gegen\u00fcber der aktuellen Wohnsituation bieten. Diese Entscheidung wird in &#8220;Susanna&#8221; von Maria Faesch getroffen, um einerseits der starren, protestantischen Gesellschaft Basels des 19. Jahrhunderts zu entkommen und um andererseits\u00a0ihrer Liebe Karl Valentiny zu folgen. Die Basler lebten damals &#8220;<em>wie vor hundert oder tausend Jahren, nichts schien sich jemals \u00e4ndern zu wollen.<\/em>&#8221; (S. 10). Wer dieser konservativen Stadt entfliehen wollte, dem blieb oftmals nichts anderes \u00fcbrig, als auszuwandern. Die USA mit ihrem &#8220;amerikanischen Traum&#8221; standen f\u00fcr Freiheit und f\u00fcr einen Neuanfang. Maria Faesch folgt dieser Vorstellung, die sie dazu verleitet, ihr ruhiges und geordnetes Leben in Basel aufzugeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Karl Valentiny hingegen ist in seiner Wahl unfreier, da ihn &#8220;<em>zu Hause das Erschiessungskommando erwartet.<\/em>&#8221; (S. 106). Er ist f\u00fcr die angebliche Beteiligung an der Revolution schuldig gesprochen worden und f\u00fcr ihn ist die Heimkehr nach Deutschland nur noch eine Wunschvorstellung. An dieser Stelle konstruiert Capus den historischen Kontext des Revolutionsjahres 1848 um die Handlung herum und macht diesen zum determinierenden Grund f\u00fcr Valentinys Auswanderung. Er migriert ebenfalls nach Amerika, doch aus v\u00f6llig anderen Beweggr\u00fcnden als Maria. Doch das Schicksal meint es gut mit ihm. Er kann eine Arztpraxis in Brooklyn gr\u00fcnden und hat somit f\u00fcr den Rest seines Lebens ausgesorgt.\u00a0<br>Wie es damals \u00fcblich war, bucht Valentiny die \u00dcberfahrt nicht selbst sondern \u00fcber ein Reiseb\u00fcro. Dies war damals die einzige M\u00f6glichkeit eine Schiffspassage zu erhalten. Die Schweiz als heutiges beliebtes Ziel f\u00fcr Einwanderer war damals eine Auswanderungsnation. Fakt ist, dass zwischen 1850 bis 1914 etwa 300&#8217;000 Schweizer ihrer Heimat den R\u00fccken kehrten, um in der Ferne das Gl\u00fcck zu suchen. Die meisten migrierten aus Hunger und Armut und in der Hoffnung sich in \u00dcbersee eine bessere Existenz aufzubauen. Daran l\u00e4sst sich erkennen, dass die Migrationsgr\u00fcnde von Maria Faesch und Karl Valentiny nicht \u00fcblich waren, sondern viel eher die Probleme einer kleineren Bev\u00f6lkerungsgruppe widerspiegeln. Die Familie Faesch war n\u00e4mlich\u00a0&#8220;<em>eine der reichsten und \u00e4ltesten der Stadt<\/em>&#8221; (S. 7).\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Die interkontinentale Migration stellt die frischgebackene Familie jedoch vor neue Herausforderungen. Der endlos scheinende Atlantik trennt sie nun von der Heimat. Die gewaltige Distanz f\u00fchrt fr\u00fcher oder sp\u00e4ter zum Abbruch s\u00e4mtlicher Beziehungen: &#8220;<em>Ein halbes Jahr lang war der Brief unterwegs gewesen.<\/em>&#8221; (S. 112). So geschieht es auch mit Lukas Faesch: &#8220;<em>Lukas Faesch schrieb ihr [Maria] noch ein paarmal zu Weihnachten [&#8230;] und dann nicht mehr, und die S\u00f6hne liessen gar nie von sich h\u00f6ren.<\/em>&#8221; (S. 134). Abgeschnitten von der Heimat und von einer v\u00f6llig neuen Kultur umgeben, stellt sich unweigerlich die Frage der Integration. Dazu geh\u00f6rt auch die Adaption der neuen Sprache. Susanna, die noch als Kind in die USA kommt, lernt die Sprache schnell. &#8220;<em>Nach wenigen Wochen sprach Susanna Englisch mit New Yorker Akzent, als h\u00e4tte sie nie woanders gelebt.<\/em>&#8221; (S. 132). Ihre Mutter Maria hat wesentlich gr\u00f6ssere Schwierigkeiten, sich mit der amerikanischen Lebensweise anzufreunden, da sie bereits st\u00e4rker durch die Basler Kultur gepr\u00e4gt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Maria muss sich dem Identit\u00e4tsdilemma der Migranten stellen. &#8220;<em>Maria aber f\u00fchlte sich als Besucherin, auch im f\u00fcnften und im zehnten Jahr noch; Immigrantin f\u00fcr den Rest ihres Lebens, niemals daheim und immer fremd.<\/em>&#8221; (S. 133). Erst als Susanna ihren Sohn Christie amerikanisch erzieht, wagt sie den Schritt, die hiesige Bademode zu adaptieren. Dies steht sinnbildlich f\u00fcr den Beginn des Assimilationsprozesses, der die Anpassung und die Bereitschaft, die eigene Kultur und die Sprache aufzugeben, vonseiten der Einwanderer voraussetzt. Susanna schl\u00e4gt gewissermassen die Br\u00fccke zur amerikanischen Kultur, auf welcher Christies Erziehung basiert. &#8220;<em>Sie waren nun eine amerikanische Familie.<\/em>&#8221; (S. 186)<\/p>\n\n\n\n<p>Es zeigt sich also, dass der Roman &#8220;Susanna&#8221; das Ph\u00e4nomen der Migration anhand der Lebensgeschichten der Protagonisten ausleuchtet. Er thematisiert die Push- und Pullfaktoren, die die Figuren zur Auwanderung verleiten. Capus\u00a0w\u00e4hlt hierf\u00fcr nicht die klassischen Beweggr\u00fcnde, sondern l\u00e4sst seine Figuren aus atypischen Gr\u00fcnden migrieren. Der Bruch mit dem Alten und Bekannten wird am Beispiel Lukas Faesch&#8217; und der S\u00f6hne deutlich gemacht, aus dem die zwangsl\u00e4ufige Frage der Integration hervorgeht. Die drei Generationen der Auwanderer verdeutlichen den Prozess der Integration und der Assimilation und zeigen auf, mit welch grosse Schwierigkeiten Einwanderer zu k\u00e4mpfen haben. Zusammenfassend l\u00e4sst sich sagen, dass Capus mit seinem Roman &#8220;Susanna&#8221; eine facettenreiche Migrationsgeschichte entworfen hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Roberto Panzera, 6c Der Roman &#8220;Susanna&#8221; von Alex Capus behandelt in erster Linie die Migrationsgeschichte von zwei Basler Auswanderinnen<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":6041,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_is_tweetstorm":false},"categories":[3,5],"tags":[],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i2.wp.com\/www.stiftsforum.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Susanna-scaled.jpg?fit=2560%2C1920","jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p9nzRF-1zq","jetpack_likes_enabled":true,"jetpack-related-posts":[{"id":6295,"url":"http:\/\/www.stiftsforum.ch\/blog\/?p=6295","url_meta":{"origin":6040,"position":0},"title":"\u00abDer Picasso des 21. 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