{"id":1242,"date":"2017-09-26T17:18:13","date_gmt":"2017-09-26T17:18:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stiftsforum.ch\/blog\/?p=1242"},"modified":"2017-09-26T17:22:13","modified_gmt":"2017-09-26T17:22:13","slug":"klaus-caesar-zehrer-das-genie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.stiftsforum.ch\/blog\/?p=1242","title":{"rendered":"Klaus-C\u00e4sar Zehrer: Das Genie"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Eine Buchkritik von Benedikt Aegerter<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Romane \u00fcber real existierende Personen, besonders wenn es dann noch Genies sind, sind meistens eine schwierige Angelegenheit. Noch schwieriger, wenn ihre Lebensgeschichte tragisch ist.<\/p>\n<p>Klaus-C\u00e4sar Zehrer umschifft die T\u00fccken des Genres gekonnt und f\u00fchrt mit viel Sprachwitz und Ironie in die Welt einer ebenso genialen wie schwierigen Pers\u00f6nlichkeit: William James Sidis; ein Wunderkind, das bereits im zarten Alter von 2 Jahren lesen kann, mit 8 eine neue Sprache erfindet und mit 11 \u00fcber die 4. Dimension doziert; ein Mensch der die Fallstricken der h\u00f6heren Mathematik besser beherrscht als die seiner Schuhe; ein radikal der Welt Absagender, der lieber f\u00fcr 23 Dollar die Woche in einem Keller Zahlen zusammenzurechnet als sich in irgendeiner Weise an der Gesellschaft zu beteiligen, vor allem an dem von ihm verachteten Krieg.<\/p>\n<p>Am Beginn steht allerdings die Lebensgeschichte seines Vaters, Boris Sidis, brillant und idealistisch wie sein Sohn. 1886 landet er v\u00f6llig mittellos in New York und verdingst sich zuerst als Fabrikarbeiter, bis er sich durch seine m\u00fchsam erarbeiteten Englischkenntnisse als Privatlehrer f\u00fcr Einwanderer in Boston selbstst\u00e4ndig macht. Dort lernt er auch Williams Mutter kennen, Sara. Er heiratet sie, unf\u00e4hig etwas anderes als seine Ideale zu lieben, weil ihm ihr Fleiss beim Lernen als solide Grundlage f\u00fcr eine Ehe vorkommt. Durch einen Variet\u00e9-Darsteller von der Macht der Hypnose \u00fcberzeugt, beginnt er schliesslich in Harvard Psychologie zu studieren und erwirbt in k\u00fcrzester Zeit drei Doktortitel. Sp\u00e4ter leitet er ein Institut und ein Sanatorium, bis er durch die Freudianer verdr\u00e4ngt wird, die er als Schmutzfinken ansieht. Als sein Lebenswerk sieht er jedoch die sogenannte \u201eSidis-Methode\u201c, von der er behauptet, dass man mit ihr jedes Kind zum Genie machen k\u00f6nne. Sein lebender Beweis wird sein Sohn William sein, der verzweifelt versucht, den von seinem Vater gelenkten Lebenslauf zu durchbrechen.<\/p>\n<p>Darauf basiert letztendlich der Roman: auf dem Gegensatz von zwei genialen Menschen, die jede auf ihre Art Erf\u00fcllung suchen. Boris will die Welt durch Bildung verbessern, denn Dummheit sieht er als Ursache f\u00fcr alle \u00dcbel der Welt, einschliesslich des Krieges, den er als schlimmstes \u00dcbel ansieht. Anders William: Er gen\u00fcgt sich selbst; will die Gesellschaft bek\u00e4mpfen, indem er es anders macht als alle anderen: Er verzichtet auf mehr Geld und mehr Ruhm und will sich nicht hochk\u00e4mpfen. Solange seine 154 Lebensregeln, die er als 16 J\u00e4hriger aufstellt, nicht verletzt werden, ist er zufrieden.<\/p>\n<p>Hier zeigt sich eine andere St\u00e4rke des Romans: Zehrer gelingt es durch den Gegensatz von Williams idealistischer Welt und der v\u00f6llig anders gearteten Aussenwelt ein grandioses Sittenportr\u00e4t des fr\u00fchen Amerika, das an die grossen Romane Dreisers erinnert.<\/p>\n<p>Letztendlich f\u00fchrt der Roman aber auch in eine andere Richtung, denn wie William in einer aufschlussreichen Szene sagt, ist er nur ein Produkt, ein Gesch\u00f6pf seines Vaters, ein Projekt oder wie Boris einmal sagt \u201eder Zukunftsmensch\u201c. Das erinnert an einen anderen englischsprachigen Autor bzw. eine Autorin: Mary Wollstonecraft Shelley. Frankenstein anno 2017. Erstaunlich, dass das Buch keine gr\u00f6ssere Diskussion ausgel\u00f6st hat.<\/p>\n<p><strong>Benedikt Aegerter (3c)<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Buchkritik von Benedikt Aegerter Romane \u00fcber real existierende Personen, besonders wenn es dann noch Genies sind, sind meistens eine<\/p>\n","protected":false},"author":9,"featured_media":1244,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_is_tweetstorm":false},"categories":[5],"tags":[],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i2.wp.com\/www.stiftsforum.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/2.jpg?fit=314%2C500&ssl=1","jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p9nzRF-k2","jetpack_likes_enabled":true,"jetpack-related-posts":[{"id":1304,"url":"https:\/\/www.stiftsforum.ch\/blog\/?p=1304","url_meta":{"origin":1242,"position":0},"title":"Interview mit Klaus C\u00e4sar Zehrer","date":"Oktober 24, 2017","format":false,"excerpt":"von Ursula Baumhauer und Kerstin Beaujean, Juni 2017, ver\u00f6ffentlicht mit der freundlichen Genehmigung des Diogenes Verlags (Kerstin Beaujean <kb@diogenes.ch> an Benedikt Aegerter am 6.Oktober 2017) \u00a0Herr Zehrer, wie w\u00fcrden Sie Ihren Roman in wenigen S\u00e4tzen zusammenfassen? Das Genie erz\u00e4hlt ziemlich nah an den historischen Fakten entlang die wahre Lebensgeschichte von\u2026","rel":"","context":"In &quot;Interview&quot;","img":{"alt_text":"","src":"","width":0,"height":0},"classes":[]},{"id":4202,"url":"https:\/\/www.stiftsforum.ch\/blog\/?p=4202","url_meta":{"origin":1242,"position":1},"title":"Als Hitler das rosa Kaninchen stahl","date":"Januar 27, 2021","format":false,"excerpt":"Merlin von Bernuth Im Roman \u00abAls Hitler das rosa Kaninchen stahl\u00bb, welcher 1973 von Judith Kerr geschrieben worden ist, erz\u00e4hlt Judith Kerr einen Teil ihrer eigenen Geschichte, indem sie selbst Anna verk\u00f6rpert. Anna muss im Buch in verschiedene L\u00e4nder fl\u00fcchten, was in ihr unterschiedliche Gef\u00fchle ausl\u00f6st. 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