{"id":4182,"date":"2021-01-26T13:09:05","date_gmt":"2021-01-26T12:09:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stiftsforum.ch\/blog\/?p=4182"},"modified":"2021-01-26T16:37:30","modified_gmt":"2021-01-26T15:37:30","slug":"auch-ueber-die-traenen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.stiftsforum.ch\/blog\/?p=4182","title":{"rendered":"Auch \u00fcber die Tr\u00e4nen"},"content":{"rendered":"\n<p><em>von Abaris Schild<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><br>Der Barock war nicht nur das Zeitalter des pr\u00e4chtigen Herrscherkults und der opulenten<br>Pal\u00e4ste. Es schwang auch eine tiefe Religiosit\u00e4t mit, welche durch die manchmal ad<br>absurdum gef\u00fchrte Verherrlichung der Verg\u00e4nglichkeit und des Todes, aber auch des \u00abCarpe<br>diem\u00bb unterstrichen wurde. Der Katholizismus lebte wieder auf. <\/p>\n\n\n\n<p>Von Greiffenbergs Gedicht \u00abAuch \u00fcber die Tr\u00e4nen\u00bb bringt letztere Punkte in einer in ihrer Zeit<br>etwas un\u00fcblichen Form zur Geltung. Trotzdem ist das Werk ein Kleinod, dessen n\u00e4here<br>Betrachtung durchaus lohnenswert ist. Und dies nicht zuletzt, weil von Greiffenberg eine<br>Frau mit sehr tragischem Hintergrund war. Sie erlebte den Dreissigj\u00e4hrigen Krieg hautnah<br>mit und wandte sich immer mehr dem Religi\u00f6sen zu, wie z. B. auch ihre Figurengedichte<br>zeigen. Dies wirkt sich entsprechend auf das vorliegende Sonett aus.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Denn in \u00abAuch \u00fcber die Tr\u00e4nen\u00bb geht es um die Bedeutung und die Eigenschaften der<br>Tr\u00e4nen. Die erste Strophe beschreibt die Tr\u00e4nen, wie man sie meistens kennt, welche den<br>schlechten Regungen wie Angst, Schmerz und Trauer entspringen, und ihre Wirkung, was z.<br>B. mit \u00abSeufzer\u00bb ausgedr\u00fcckt wird.<br><\/p>\n\n\n\n<p>Eine Wendung nimmt das Sonett in der zweiten Strophe. Die Tr\u00e4nen seien eine Art<br>\u00abD\u00e4mmerung\u00bb, was metaphorisch f\u00fcr etwas nicht Identifizierbares steht, zwischen Furcht<br>und Trost. Es k\u00f6nne nach von Greiffenberg aber auch Gl\u00fcck bringen, zu weinen. Deshalb<br>folgt in der dritten Strophe ein Vergleich mit fruchtbarem Regen, welcher \u00abGott<br>widerspiegelt\u00bb, also ein g\u00f6ttliches Geschenk sei. So sei manchmal auch das Augenwasser ein<br>Quell der Freude und Tugend und vertreibe schliesslich auch noch den kleinsten Rest des<br>Kummers, welcher die Flucht ergreift.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Es ist jedoch nicht nur der Kummer, welcher \u00abflieht\u00bb. Von Greiffenbergs Gedicht trieft<br>geradezu von Bilderreichtum und geschickt hineingeflochtenen rhetorischen Figuren. Angst,<br>Trauer und Schmerz werden durch zwei Metaphern ausgedr\u00fcckt: der \u00abWolkenbruch\u00bb und<br>der \u00abTrauer-Augen Regen\u00bb stehen f\u00fcr den Tr\u00e4nenfluss, der durch die \u00abRingerung\u00bb, also eine<br>Verkrampfung des Herzens ausgel\u00f6st wird. Auch bricht man erst nach einer turbulenten Zeit<br>in Tr\u00e4nen aus, d. h. metaphorisch: \u00abwenn sich die Winde gelegt haben\u00bb. In der barocken<br>Dichtung wird ausserdem vieles durch Personifizierung ausgedr\u00fcckt. So hat der Leser ein<br>zerspringendes, also verzweifeltes Herz, den fliehenden Kummer oder die Tr\u00e4nen, welche<br>die \u00abHimmels-Festung durchdrangen\u00bb buchst\u00e4blich vor Augen. Mit letzterem Bild zum<br>Beispiel will die Dichterin besonders erf\u00fcllende Gl\u00fcckseligkeit ausdr\u00fccken.<br>Auf dem H\u00f6hepunkt, der vierten Strophe, erweichen die vielbesungenen W\u00e4sser sogar<br>Gottes Herz und bringen der Menschheit die Fr\u00fcchte, eine Metapher f\u00fcr \u00abErtr\u00e4ge\u00bb, der<br>h\u00f6chsten Freuden.<br><\/p>\n\n\n\n<p>Deswegen bilden die Tr\u00e4nen das st\u00fctzende Leitmotiv, den Tragbalken des Gedichts. In den<br>einzelnen Strophen werden die schon besprochenen Facetten zu Hauptmotiven. Dies sind<br>haupts\u00e4chlich Angst, Schmerz, Trauer, und, dem gegen\u00fcberstehend, die wahren Tugenden<br>und Freuden. \u00abTugend\u00bb l\u00e4sst sich in diesem Kontext zum Beispiel mit Ehrlichkeit und<br>Aufrichtigkeit umschreiben. Man kann auch durchaus zu behaupten wagen, die erfreuliche<br>Seite, welche von Greiffenberg so betont, habe einen religi\u00f6sen, typisch barocken<br>Hintergrund, in dem Tr\u00e4nen als keusch und befreiend gelten.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Dem aufmerksamen Leser entgeht aber auch ein anderer barocker Aspekt nicht. Zu von<br>Greiffenbergs Zeit war Ordnung und Struktur sehr wichtig, deshalb sind die noch so<br>tiefgr\u00fcndigen Barockgedichte in strikter Form gehalten, in diesem Fall in der eines Sonetts.<br>Dieses spezielle Genre hat immer 14 Zeilen, welche einem besonderen Metrum folgen, dem<br>Alexandriner. Bei diesem Jambus betont man jede zweite Silbe. Auch das Reimschema ist<br>geregelt, jedoch wird es bei diesem etwas ungew\u00f6hnlichen Sonett in den letzten beiden<br>Strophen, die nach Vorgabe Terzette sind, nicht eingehalten. Der Reim wird hier n\u00e4mlich<br>nicht umarmend gebildet, sondern liegt als Paarreim vor.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Nichtsdestotrotz ist dieses Gedicht ein besonderes St\u00fcck barocker Dichtkunst, in dem Form,<br>Klang, die unersch\u00f6pfliche Darstellungsvielfalt und die tiefgr\u00fcndigen Motive zu einem<br>\u00fcberraschend vollkommenen Ganzen harmonisieren. Auch die historischen Hintergr\u00fcnde der<br>Autorin, insbesondere ihre religi\u00f6se Erleuchtung und Lobpreisung Gottes, verarbeitet diese<br>hier. Die manchen Lesern vielleicht verhassten Tr\u00e4nen werden nicht nur wie \u00fcblich<br>analysiert, sondern aus einem sehr interessanten, neuen Winkel betrachtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Link zum Text (abgerufen am 26.1.2021) <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\nhttps:\/\/www.abipur.de\/gedichte\/analyse\/25399-auch-ueber-die-thraenen-greiffenberg.html\n<\/div><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Abaris Schild Der Barock war nicht nur das Zeitalter des pr\u00e4chtigen Herrscherkults und der opulentenPal\u00e4ste. 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