{"id":6618,"date":"2023-12-21T21:23:47","date_gmt":"2023-12-21T20:23:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stiftsforum.ch\/blog\/?p=6618"},"modified":"2023-12-21T21:25:50","modified_gmt":"2023-12-21T20:25:50","slug":"wie-erklaert-man-die-postwachstumsgesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.stiftsforum.ch\/blog\/?p=6618","title":{"rendered":"Wie erkl\u00e4rt man die Postwachstumsgesellschaft?"},"content":{"rendered":"\n<p>von Francesco De Vecchi<\/p>\n\n\n\n<p>Postwachstumsgesellschaft ist eine Gesellschaft, die nicht von Wachstum abh\u00e4ngig ist, die die Notion des Wachstums hinter sich gelassen hat. Was bedeutet das? Dr. Leonard Creutzburg, \u00d6kologischer \u00d6konom und Nachhaltigkeitsbeauftragter der Universit\u00e4t Z\u00fcrich, erkl\u00e4rt, die Leistung einer Gesellschaft wird allgemein \u00fcber das Bruttoinlandprodukt gemessen, das die Gesamtheit aller auf dem Markt gehandelten Waren und Dienstleistungen verzeichnet. Mir war neu, dass es dieses Konzept BIP zwar theoretisch bereits lange, praktisch relevant erst seit der grossen Depression 1929 und in unserem Sinne eigentlich erst seit dem zweiten Weltkrieg \u00fcberhaupt gibt, im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau Europas.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wirtschaftswachstum ist nicht gleich Wohlstandswachstum<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In zahlreichen einander und das Gesamtbild erg\u00e4nzenden Statistiken zeigt Herr Dr. Creutzburg, wie das BIP und andere Faktoren seit den 50er-Jahren regelrecht explodiert sind, in Hockeystick-artigen Kurven. Gleichzeitig stieg in Europa mit den 50er-Jahren der Wohlstand an. Ein wahrgenommenes (und immer mehr messbar gemachtes und gemessenes) Wohlstandswachstum korreliert nun mit diesem Wirtschaftswachstum und legt den Trugschluss nahe, dass Wirtschaftswachstum, und namentlich BIP-Wachstum, gleich Wohlstandswachstum sei. Der \u00d6konom Easterlin (https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Easterlin-Paradox) brachte bereits 1974 kritisch in diese volkswirtschaftlichen Erw\u00e4gungen ein, dass subjektiv wahrgenommene Zufriedenheit nicht mit dem Wirtschaftswachstum korreliere.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Belastungsgrenzen der Erde<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nachdenklich stimmt auch, dass die Belastungsgrenzen der Erde (https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Planetare_Grenzen) global gesehen in sechs von neun Faktoren \u00fcberreizt sind. Diese Tatsache l\u00e4sst sich l\u00e4nderspezifisch ansehen (wenig verwunderlich \u00fcberschiessen die EU und USA die planetaren Grenzen), aber im Prinzip scheint klar, dass ein globales Problem nicht national gewichtet werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Effizienz und Suffizienz<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wie wir das Problem wenden und drehen, am Ende besteht die Herausforderung darin, dass wir weniger Ressourcen verbrauchen m\u00fcssen. Und darum geht es beim Konzept Postwachstum: um die Entkoppelung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch. Das kann auf verschiedene Arten geschehen: Man wird <strong>effizienter <\/strong>in der Produktion eines Gutes (wie neuerlich durch computergest\u00fctzte Methoden) und kann bei gleich bleibenden Ressourcen mehr produzieren. Und damit hat man mehr zu verbrauchen. Das ist eine relative Entkoppelung. Damit aber lasse sich die \u00dcbernutzung unseres Planeten nicht verringern, sondern bestenfalls gleich \u00fcberm\u00e4ssig halten. Bei einer \u00fcberm\u00e4ssigen \u00dcbernutzung jedoch bliebe der Ressourcenverbrauch \u00fcberm\u00e4ssig. Wir m\u00fcssen also den ressourcenverbrauch absolut entkoppeln und reduzieren. Letztlich geht das nicht ohne unsere Bed\u00fcrfnisse zu verringern. Der Fachmann spricht von <strong>Suffizienz<\/strong> (sufficit &#8211; es reicht): <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Suffizienz_(Politik)\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Suffizienz_(Politik)<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bezahlte Arbeit versus Freiwilligenarbeit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Soweit abstrakt t\u00f6nt die Sache interessant und mit ein wenig guten Willens auch umsetzbar. Konkret steht der Umsetzung solcher Ideen prim\u00e4r im Wege, dass zahlreiche Faktoren unserer Gesellschaft von Wirtschaftswachstum abh\u00e4ngig sind und daher inh\u00e4rent darauf ausgerichtet und daran interessiert, dass Wachstum w\u00e4chst (sogenannte Wachstumstreiber). Der Staat erhebt seine Steuern auf fliessendes Geld, auf Erwerbsarbeit, von blossem T\u00e4tigsein hat er nichts. Seine Anregungen und Eingriffe in die Gesellschaft sind auf Faktoren gerichtet, die bezahlte Arbeit f\u00f6rdern. Von Freiwilligen- oder Subsistenzarbeit hat er nichts und wird es daher nicht f\u00f6rdern. W\u00e4re allerdings weniger Geld in Umlauf, w\u00fcrden sich die Menschen weniger Ferien leisten (k\u00f6nnen) und weniger fliegen; die Menschen w\u00fcrden weniger konsumieren, weniger w\u00fcrde produziert, weil weniger nachgefragt w\u00fcrde. Der Mensch w\u00fcrde insgesamt bescheidener leben, mithin ressourcenschonender, und somit ginge die planetare \u00dcbernutzung zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie \u00fcber das Thema diskutieren?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mit anderen Worten, denke ich abschweifend bei mir, wir lebten ein Leben wie in den Siebziger-Jahren (und man h\u00f6rt, das sei damals nicht schrecklich gewesen). Ganz neue Fragen kommen auf uns zu: Wie re-organisiert man bspw. Altersvorsorge oder Kinderbetreuung ohne Geld?<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits naht das Fazit des Vortrags, mit dessen Ende aber tritt unsere kleine interessierte Gesellschaft endg\u00fcltig in ein Gespr\u00e4ch ein, das mit guten Ideen und L\u00f6sungsans\u00e4tzen beginnt, mehr und mehr aber ins Destruktive abf\u00e4llt. Leider, best\u00e4tigt Herr Dr. Leonard Creutzburg, passiere das regelm\u00e4ssig in solchen Veranstaltungen.<\/p>\n\n\n\n<p><br><strong>Ein neues Paradigma<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Falls diese Wiedergabe der Grundz\u00fcge des Vortrags ein wenig banal scheint: Postwachstum versucht, innerhalb der Wirtschaftslehre ein neues Paradigma zu etablieren. Das ist ein wichtiger Beitrag, da die Wirtschaftstheorie mit ebensolchen Methoden kommt. Wichtig w\u00e4re nat\u00fcrlich, einer Wirtschaft, die auf Bed\u00fcrfniserregung fusst, ebendiese auszutreiben. In diese Richtung weist der Versuch in Genf, \u00f6ffentliche Werbung zu verbieten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe f\u00fcr mich ein vollst\u00e4ndigeres Bild der neueren europ\u00e4ischen Wirtschaftsgeschichte gewonnen und falls sich jemand fragt, wie man das unseren Sch\u00fclern vermitteln k\u00f6nnte: Herr Dr. Creutzburg winkt ab, \u00abNicht Ihren Sch\u00fclern m\u00fcssen Sie das erkl\u00e4ren, sondern handeln m\u00fcssen Sie selbst danach!\u00bb Mit diesen Worten im Ohr mache ich mich auf den Weg nach Hause.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Francesco De Vecchi Postwachstumsgesellschaft ist eine Gesellschaft, die nicht von Wachstum abh\u00e4ngig ist, die die Notion des Wachstums hinter<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":6619,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_is_tweetstorm":false},"categories":[3,10],"tags":[],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i1.wp.com\/www.stiftsforum.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/environmental-protection-683437_1280.jpg?fit=1280%2C720&ssl=1","jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p9nzRF-1IK","jetpack_likes_enabled":true,"jetpack-related-posts":[{"id":3703,"url":"https:\/\/www.stiftsforum.ch\/blog\/?p=3703","url_meta":{"origin":6618,"position":0},"title":"Es hat keinen Sinn, Sorgen in Alkohol ertr\u00e4nken zu wollen, denn Sorgen sind gute Schwimmer.","date":"Juni 12, 2019","format":false,"excerpt":"Alkohol ist ein traditioneller, fest verankerter Bestandteil der hiesigen Kultur. 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