{"id":788,"date":"2017-02-11T13:46:08","date_gmt":"2017-02-11T13:46:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stiftsforum.ch\/blog\/?p=788"},"modified":"2017-02-11T13:46:15","modified_gmt":"2017-02-11T13:46:15","slug":"lukas-baerfuss-hundert-tage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.stiftsforum.ch\/blog\/?p=788","title":{"rendered":"Lukas B\u00e4rfuss: Hundert Tage"},"content":{"rendered":"<p><strong>In seinem Deb\u00fctroman beschreibt Lukas B\u00e4rfuss auf eindr\u00fcckliche Weise den V\u00f6lkermord in Ruanda. 1994 wurden in Ruanda 800&#8217;000 Menschen auf brutalste Weise mit archaischen Waffen wie Macheten ermordet.<\/strong><\/p>\n<p>Der aus akribischer Recherche erstanden Erstlingsroman beschr\u00e4nkt sich jedoch nicht auf einen Tatsachenbericht. Vielmehr m\u00f6chte der Autor uns die Verwicklung Europas in den Genozid vor Augen f\u00fchren und unsere Scheinheiligkeit relativieren.<\/p>\n<p>Im Zentrum der Geschichte steht der jungen David Hohl, ein Idealist mit Schweizer Werten, welcher als Entwicklungshelfer in Ruanda arbeitet und eigentlich das \u201eGute\u201c bewirken will. David Hohl wird Augenzeuge des hundert Tage andauernden Massaker der Hutu an den Tutsi. Dabei muss er jede Menge Entscheidungen f\u00e4llen und wird letzlich zum Mitschuldigen.<\/p>\n<p>Die Geschichte zieht die Leserin bzw. den Leser in den Bann. Das mag zum einen an der klaren, direkten, teilweise auch vulg\u00e4ren Sprache liegen, aber auch an der Geschichte, welche ihre Spannung durch eine Mischung aus Liebe und nackten Tatsachen bewahrt. Lukas B\u00e4rfuss zeigt uns dabei eine Sicht auf das Weltgeschehen auf, welche wir gerne verdr\u00e4ngen. Einer dieser Aspekte ist die Entwicklungszusammenarbeit. Die Entwicklungshelfer haben den Willen etwas Gutes zu tun, bewirken jedoch auch das Gegenteil. Konkret\u00a0 wird hier der Konkurrenzkampf der unterschiedlichen Hilfsorganisationen beschrieben, w\u00e4hrend anderswo an den Abgr\u00fcnden, an den Brennpunkten menschlichen Leids niemand zu finden ist. Hinzu kommen die Medien, welche auf m\u00f6glichst grausame Bilder aus sind. \u00a0Und auch wenn die Direktionen im Grunde Positives bewirken wollte, tragen auch sie eine Mitschuld. Dies wird David Hohl bewusst, zum Beispiel als er dem Radio, welches auch als Mordinstrument genutzt wird, lauschte. Er realisiert, dass die Direktion und damit die Europ\u00e4er nie die Absicht hatten, \u201edie V\u00f6lkerm\u00f6rder das Handwerk zu lehren\u201c und dennoch glaubte er \u201eeinem sehr erfolgreichen Projekt der Direktion zu lauschen\u201c. Dieser Gedanke wird sp\u00e4ter in einer weiteren Selbstreflexion des Protagonisten fortgef\u00fchrt. \u201e[&#8230;] deshalb gaben wir ihnen den Bleistift, mit dem sie dann die Todeslisten schrieben, deshalb legten wir ihnen die Telefonleitungen, durch die sie den Mordbefehl erteilten, und deshalb bauten wir ihnen die Strassen, auf denen die M\u00f6rder zu ihren Opfern fuhren\u201c. Einer der erschreckendsten S\u00e4tze in diesem Buch, welcher verdeutlicht, dass ein V\u00f6lkermord in diesem Ausmass nicht m\u00f6glich gewesen w\u00e4re ohne die europ\u00e4ische Entwicklungshilfe \u2013so zumindest die provokante These B\u00e4rfuss`. Es wird uns somit ein Spiegel vors Gesicht gehalten und wir k\u00f6nnen uns nicht hinter unserer Scheinheiligkeit verstecken.<\/p>\n<p>Als Angestellter der Direktion macht sich David mitschuldig. Denn obwohl er sich nicht aktiv an den Morden beteiligte, hat er, wie auch Europa zum \u00a0Genozid beigetragen. B\u00e4rfuss formuliert dies treffend: \u201eNein, wir geh\u00f6ren nicht zu denen, die Blutb\u00e4der anrichten. Das tun andere. Wir schwimmen darin. Und wir wissen genau, wie man sich bewegen muss, um obendrauf zu bleiben und nicht in der roten Sosse unterzugehen.\u201c<\/p>\n<p>In den Rezensionen liest man auch, dass der Roman nicht ein Buch \u00fcber Ruanda, sondern \u00fcber die Schweiz sei. Offensichtlich ist dem Bezug zur Schweiz Bedeutung beizumessen. B\u00e4rfuss verdeutlicht, dass ein solcher Genozid nur in einem systematischen, gut organisierten System m\u00f6glich ist, in dem Ordnung und Pflichtbewusstsein zu den tragenden Werten z\u00e4hlt. B\u00e4rfuss widerlegt damit die Annahme, dass B\u00fcrgerkriege willk\u00fcrliche Exzesse grausamer Menschen sind. Denn diese sind nur in einem geregelten Staatswesen m\u00f6glich. So ermordet Davids G\u00e4rtner genauso wie viele andere Menschen aus Pflichtbewusstsein. Diese Umst\u00e4nde lassen den Leser dar\u00fcber nachdenken, ob ein solcher Mord auch in der Schweiz m\u00f6glich w\u00e4re.<\/p>\n<p>Ich denke, das Buch weist im Kern darauf hin, dass wir immer mit einem Fuss in der Schuld stecken. \u201eHundert Tage\u201c zeigt auf, dass wir uns in Widerspr\u00fcche verwickeln, bewusst oder unbewusst und dass unser Handeln f\u00fcr uns nicht absch\u00e4tzbare Folgen haben kann. Wir k\u00f6nnen w\u00e4hlen, doch dem Dilemma von moralisch richtigem Handeln k\u00f6nnen wir nicht entkommen, denn das \u201eGute\u201c f\u00fchrt nicht unbedingt zum \u201eGuten\u201c, wie auch das \u201eB\u00f6se\u201c nicht das \u201eB\u00f6se\u201c bedingt, wobei wir uns am Ende fragen, ob wir wirklich zwischen \u201eGut\u201c und \u201eB\u00f6se\u201c urteilen k\u00f6nnen<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Alina Jud (6c)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In seinem Deb\u00fctroman beschreibt Lukas B\u00e4rfuss auf eindr\u00fcckliche Weise den V\u00f6lkermord in Ruanda. 1994 wurden in Ruanda 800&#8217;000 Menschen auf<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":789,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_is_tweetstorm":false},"categories":[5],"tags":[],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i2.wp.com\/www.stiftsforum.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/9783442739035xxl.jpg?fit=409%2C648&ssl=1","jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p9nzRF-cI","jetpack_likes_enabled":true,"jetpack-related-posts":[{"id":2914,"url":"https:\/\/www.stiftsforum.ch\/blog\/?p=2914","url_meta":{"origin":788,"position":0},"title":"Lukas B\u00e4rfuss zu Gast in der 4b","date":"Dezember 21, 2018","format":false,"excerpt":"Am Dienstag, 18.12.2018, ergab sich f\u00fcr die 4b die Gelegenheit, mit dem Autor des Welttheaters 2020 Lukas B\u00e4rfuss ins Gespr\u00e4ch zu kommen. Die Fragen waren dabei vielf\u00e4ltig: Was zeichnet das barocke Welttheater Calderons aus? Wie k\u00f6nnte man die historische Figurenkonstellation in die Gegenwart \u00fcbertragen? Und welche Bez\u00fcge liessen sich zu\u2026","rel":"","context":"In &quot;Schulanl\u00e4sse&quot;","img":{"alt_text":"","src":"https:\/\/i1.wp.com\/www.stiftsforum.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/b\u00e4rfuss1.jpg?fit=860%2C573&ssl=1&resize=350%2C200","width":350,"height":200},"classes":[]},{"id":6040,"url":"https:\/\/www.stiftsforum.ch\/blog\/?p=6040","url_meta":{"origin":788,"position":1},"title":"Capus` \"Susanna\" als Migrationsroman","date":"Januar 29, 2023","format":false,"excerpt":"von Roberto Panzera, 6c Der Roman \"Susanna\" von Alex Capus behandelt in erster Linie die Migrationsgeschichte von zwei Basler Auswanderinnen in die USA im 19. Jahrhundert. Der Aspekt der Migration ist somit eines der zentralen Motive des Buches und bildet den Rahmen der Erz\u00e4hlung. 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